Aus einem simplen Buchtitel ist ein Social Media Phänomen geworden. Knapp 5 Millionen Fotos auf Instagram wurden mit dem Hashtag #girlboss versehen. Darunter sind viele Schreibtische und Arbeitsplätze zu sehen und Frauen, die einen langen Arbeitstag noch vor oder bereits hinter sich haben. Doch auch Essens- und Fitnessfotos, Motivationszitate und sogar Detox Tees sind unter diesem aufzufinden. Die Zielgruppe, die sich mit dem Girlboss-Ethos identifiziert? Junge Frauen in den 20ern, die ambitioniert und ehrgeizig sind.

Mit dem Selbsthilfe-Motivations-Buch, das im Schrank aller Bloggerinen steht – mich eingeschlossen – und der gleichnamigen Netflix-Serie, hat ‚Nasty Gal‘ Gründerin Sophia Amoruso den Grundstein für ein Social Media Phänomen des 21. Jahrhundert gelegt. Doch wenn neben Bloggerinnen und Online-Shop-Gründerinnen nun auch Hilary Clinton und Ivanka Trump als „girlboss“ bezeichnet werden, frage ich mich, ob der Trend zu weit geht?

Livin‘ the #girlboss lifestyle

Ja ich sehe ein, dass der Begriff #girlboss für mehr steht, als eine Frau in einer Machtposition. Es definiert Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen, sei es als hart arbeitende Angestellte in einem Riesenunternehmen, als Literaturstudentin in der Bibliothek oder als Unternehmensgründerin. Es definiert Frauen, die selbst über ihr Leben und ihren Werdegang entscheiden. Und daran ist nichts verwerflich. Im Gegenteil: Es animiert viele Mädchen dazu für ihre Ziele und Träume zu kämpfen, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen und für das, was sie erreichen wollen, auch aktiv etwas zu tun und nicht darauf zu warten, dass ihnen alles in den Schoß fällt. Ich will auch nicht behaupten, dass ich selbst nicht auch auf den Trend aufgesprungen bin. Ich habe das Buch selbst im Schrank stehen. Der Begriff ist zu einem feministischen Credo für unsere Generation geworden

Setzt man sich mit dem Thema aber mehr auseinander und schaut es sich sprachlich genauer an, ist er vollkommener Blödsinn. Mal abgesehen von der Tatsache, dass „Boss“ nicht gegendert und somit sowohl für Männer als auch für Frauen gleichermaßen verwendet wird, impliziert die Verwendung des geschlechtsspezifischen Präfixies „girl“, dass Bosse, also Chefs, nur Männer sind. Des Weiteren übermittelt das Wort „girl“, also Mädchen, eine gewisse Unerfahrenheit und Unreife und mindert somit die Errungenschaft der Person. Wieso also girl vor dem Boss? Wieso nicht Woman?  Oder einfach nichts davor setzen? Würde ein Mann jemals davor ein „Boy“ stellen und sich als #boyboss bezeichnen? Nein!

Während das Lebensmotto #girlboss die Idee einer weiblichen Führungskraft nahbarer macht, ist es feministisch gesehen ein Rückschritt. Frauen, die ihr Leben in der Hand haben und Chefpositionen bekleiden, sind definitiv keine girls.

“Why am I such an asshole?”

“Why am I such an asshole?”- Diese Frage stellt sich Sophia gleich in der ersten Folge, nachdem sie gefeuert wurde. Und obwohl sie sich wie eine unhöfliche und undankbare Göre verhalten hat und die ganze Staffel über ihr Verhalten auch nicht wirklich ändert, ist es eine Frage, mit der ich mich sehr gut identifizieren konnte. Ich habe mich in meiner Karrierelaufbahn oft gefragt, was falsch mit mir ist, wieso ich gewisse Dinge nicht schaffe, oder in bestimmte Jobs, die ich so sehr wollte, nicht hineingewachsen bin. Nie habe ich mich irgendwo zugehörig gefühlt, sondern immer fehl am Platz.

Als Sophia mit einem Tränen überströmten Gesicht durch die Straßen von San Francisco wandert und sich fragt, was bloß falsch mit ihr ist, konnte ich nicht anders, als mich dasselbe zu fragen. Was ist falsch mit mir? Wieso habe ich meinen Platz noch immer nicht gefunden?

Ein Problem, mit dem nicht nur Frauen in meinem Alter, sondern generell kreative Köpfe zu kämpfen haben. Wir lassen uns schlecht in eine Schublade stecken und wenn wir nicht eine bestimmte Anzahl an Punkten erfüllen, werden wir gesellschaftlich als faul, egoistisch und uninteressiert wahrgenommen. Dabei stimmt das überhaupt nicht. Wir haben so viel Potential, nur steckt genau unsere Generation mitten in einem gesellschaftlichen Wandel fest. Während wir bereits modern und flexibel sind, sind es die meisten Arbeitgeber nicht. Die Arbeitsweisen sind veraltet und passen nicht zu unserem jetzigen Gesellschaftsbild. Schaut man sich Sophia in der Serie genauer an, wirkt sie wie eine verwöhnte Göre, die nichts auf niemanden gibt und der alles egal ist. Das macht sie absolut unsympathisch und nervtötend. Gleichzeitig zeigt sie damit, dass ihre uneingeschränkte Energie nicht in die Vorlage passt, die die Gesellschaft ihr aufzwingen will.

Genau aus diesem Grund, können sich so viele Frauen in unserer Generation mit dem Credo #girlboss identifizieren. Sie passen nicht in eine Schublade. Finden nicht ihren Platz in der Arbeitswelt, also machen sie ihre eigenes Ding und werden zu ihrem eigenen Boss. Und der tatsächliche Inhalt hinter diesem Begriff ist doch auch wunderschön, und möchte ich in feinster Weise schlecht reden.

Obwohl ich den Begriff #girlboss nicht ausstehen kann, und ich mich nicht als girlboss sondern vielmehr als starke und intelligente Frau die ihr eigenes Ding macht, bezeichnen würde, hat mich die Serie und auch das Buch etwas Wichtiges gelehrt: In allem, was man tut, muss man einen Sinn sehen. 

Wie steht ihr zu dem Begriff? Findet ihr ihn auch so problematisch wie ich?

Woher:
Kleid – Edited the Label (über About You)
Jacke – Zara
Schuhe – River Island
Uhr – Daniel Wellington
Ohrringe – H&M

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