Es sind bereits Monate vergangen, aber hier sitze ich an deinem Krankenhausbett mit denselben Gefühlen, die ich bereits vor Monaten hatte. 

Die unglückliche Wahrheit ist, dass sich nichts geändert hat. Die Welt hat sich weiter gedreht und ich bin in dem einen Moment stehen geblieben. Vielleicht hat sich etwas geändert. Meine Gefühle sind vermutlich intensiver geworden, denn anstatt über die Zeit abzuebben, sind sie langsam und bestimmt gewachsen, haben sich an jedem Funken Hoffnung genährt. Sie sind wie ein hartnäckiger Fleck auf dem Lieblingspulli, der einfach nicht weggehen will, egal wie oft wir ihn Waschen oder in Bleichmittel einlegen. Er bleibt. Vielleicht ist er mittlerweile ein bisschen ausgeblichener, aber er ist da, als Zeichen für die eine Nacht, in der wir leichtsinnig waren. Wie ein anhaltendes, unlösbares Problem leuchtet er uns bei jedem Tragen erneut entgegen. Wie Warnleuchten auf der Autobahn, eine unleugbare Wahrheit.

Und genau dieser Fleck starrt mich an, als ich da sitze, an deinem Krankenbett und dir zwei Stunden dabei zuhöre, wie du von ihr redest. Mir erzählst, dass du glaubst noch Gefühle für sie zu haben. Das alles erzählst du, weil du mit mir immer so tiefsinnige Gespräche führen kannst. Genau dieser Fleck leuchtet mir entgegen, wird immer stärker und verwandelt sich vor meinem inneren Auge in ein rotes Warnsignal, dessen Pfeifen deinen Redeschwall übertönt, um mir mit seiner lauten Hartnäckigkeit versucht klarzumachen: Renn solange du noch kannst!

Nichts nimmt einem das letzte Stückchen Selbstwertgefühl weg, wie diese ständige, sich ruhig anschleichende Demütigung, die mit der Abhängigkeit zu einer Person, die deine Gefühle nicht erwidert, einhergeht. Ich weiß das, weil ich die Person bin, die immer mehr gibt, als das, was sie zurückbekommt.

Wenn man diejenige ist, die mehr liebt, wenn man spürt, dass der andere einem nicht das geben kann, was für einen essentiell ist, dann fängt man unweigerlich damit an, sich selbst weniger zu lieben. Man misst seinen eigenen Wert, an dem Maßstab, den diese Person für einen aufgestellt hat. Wenn man also weniger Liebe und Leidenschaft zurückbekommt, als man selbst gibt, dann beginnt man sich zu fragen, ob etwas falsch mit einem ist. Dass die Schuld der anderen Person gebührt, würde uns niemals durch den Kopf gehen, denn wir sind die ersten, die ihr Verhalten entschuldigen und es mit unserer Bewunderung für sie übertünchen. Während ihre Mängel für uns unsichtbar bleiben, werden unsere eigenen Fehler greifbarer, sie mutieren zu berechtigten Gründen dafür, weshalb, diese Person nicht mit uns, so wie wir sind, glücklich sein könnte. Je gleichgültiger wir ihnen werden, desto entschlossener sind wir, sie von dem Gegenteil zu überzeugen.

Wenn man diejenige ist, die viel mehr emotional investiert, dann hören wir in den Tiefen unseres Herzens eine tickende Uhr. Über unseren Köpfen hängt ein Ablaufdatum in dicken roten Lettern. Wir versuchen krampfhaft unser Zusammensein mit der Person durch kleine Dinge zu verlängern, damit sie spüren, wie wichtig wir für sie sind. Damit sie realisieren, dass wir nicht nur eine Packung Milch sind, die schlecht wird. Wir sind Wasser und Luft. Wir sind essentiell zum Überleben. Wir sind eine Notwendigkeit und kein Zubehör. Leider vergessen wir das, wenn wir unser Selbstwertgefühl an dem Maßstab messen, den die Person für uns aufgestellt hat.

Und so passiert es, dass ich an deinem Krankenhausbett sitze und dir zwei Stunden dabei zuhöre, wie du glaubst noch Gefühle für sie zu haben, und willst, dass ich deine Gefühle mit dir analysiere. Ich allerdings, versinke immer mehr in meinem Stuhl, werde immer ruhiger und frage mich, wieso ich mir selbst solches Leid zufüge, mir immer wieder selbst ein Messer ins Herz ramme und damit in einer Wunde herumstochere, die nie die Chance hatte abzuheilen.

Meine Gefühle sind immer so intensiv, dass ich alles von mir hergebe und mich dann innerlich ausgelaugt und leer fühle?

Ich weiß genau, wie es sich anfühlt emotional erschöpft zu sein. Manchmal versuche ich es anderen Menschen zu erklären, aber ich kann es einfach nicht. Wie beschreibe ich den Zustand „Meine Gefühle sind immer so intensiv, dass ich alles von mir hergebe und mich dann innerlich ausgelaugt und leer fühle“?

Manchmal frage ich mich, ob mit mir etwas falsch ist. Wieso fühle ich alles zehn mal stärker als andere? Aber so intensiv zu lieben und emotional so viel von sich zu geben, macht mich als Person aus. Würde ich das alles an mir ändern, wäre ich ein komplett anderer Mensch. Was ich aber aus der Erfahrung gelernt habe, ist, dass es vollkommen in Ordnung ist, seine eigenen Gefühle zu priorisieren, wenn man emotional schon so viel von sich gegeben hat, aber nie etwas zurück kam. Es ist in Ordnung, einmal egoistisch zu sein. Wobei ist das überhaupt Egoismus oder ist es der erste Schritt in Richtung Selbstliebe? Es ist in Ordnung, einmal an sich selbst zu denken! Auch wenn ich selbst noch keine Ahnung habe, wie genau das geht, wie man sich selbst liebt und sich emotional nicht ausnutzen lässt, ich arbeite daran. Ich arbeite daran, mich und mein Wohlbefinden in den Vordergrund zu rücken. Ich arbeite daran, öfter auf mich zu hören und nicht dämlich Ausreden für das egoistische Verhalten anderer Leute zu finden und ich arbeite daran, mich mit den Menschen zu umgeben, denen wirklich etwas an mir liegt und die nicht scheu sind es mir auch zu zeigen.

Das war der Tag, an dem der Fleck mich so sehr blendete, dass ich nicht anders konnte, als von meinem Platz an deinem Krankenhausbett aufzustehen, dich in deinem Redeschwall zu unterbrechen, mich zu dir hinunter zu beugen und dir zu sagen: „So, I guess this is goodbye then?“.


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*Pics by Les Factory Femmes