Ich bekomme viele Nachrichten, in denen steht, wie mutig es ist, dass ich so viel aus meinem Leben mit euch teile. Dass ich es schaffe, das in Worte zu fassen, was viele von euch fühlen. Dass ihr Trost in meinen Worten und Geschichten findet.

Der Grund, warum ich das genau jetzt aufbringe, ist, weil ich heute eigentlich eine ganz andere Kolumne – vermutlich meine persönlichste von allen – mit euch teilen wollte, mich aber im letzten Moment doch dagegen entschieden habe. Als ich die Worte niederschrieb fühlte ich mich mächtig, befreit, reifer und ja auch mutiger. Ich war erleichtert von dieser unsichtbaren Last, die ich all die Jahre in mir trug. Die Last einer völlig einzigartigen und sehr einsamen Erfahrung, die niemand würde verstehen können. Das Problem mit Trauer ist, dass sie so allgegenwärtig ist. Wir sehen sie ununterbrochen und hören die ganze Zeit davon. Der einzige Unterschied ist, dass sie eigentlich nie uns passiert, oder?

Meine Art mit Kummer umzugehen ist, darüber zu schreiben und manchmal vergehen Jahre bis ich offen über Dinge spreche. Wie zum Beispiel über meine Essstörung. Bis ich mich tatsächlich traute das Problem bei Namen zu nennen vergingen fünf Jahre, bis ich geheilt war und mit meiner Familie und Freunden darüber sprechen konnte acht Jahre und bis ich es tatsächlich schaffte alles niederzuschreiben und später mit euch zu teilen, zehn Jahre. Es sind lange Prozesse, aus denen ich lerne, aus denen ich mich weiterentwickle und mich selbst finde. Es sind keine leichtfertigen Entscheidungen, die ich von heute auf morgen treffe, sondern gut überlegte, mehrmals bearbeitete Rohversionen, die gefühlt zehn Leute lesen müssen, bevor es die Öffentlichkeit darf.

Doch heute, als ich kurz davor war meinen wohl persönlichsten Text hochzuladen, bekam ich einen dicken Kloß im Hals, mein Herz sank mir in die Hose und in meinem Bauch grummelte es. Es fühlte sich nicht gut an. Nicht weil ich nicht bereit war, meine Geschichte zu erzählen, sondern weil die Nachrichten „wie traust du dich das?“, „du bist so mutig“ in mir hallten, mich verunsicherten, mir genau das nahmen, wofür ich gelobt wurde: Den Mut!

Und so saß ich auf meinem Bett, heulte mir die Augen aus, denn heute ist kein guter Tag für mich. Ich verlor den Mut euch das zu erzählen, was ich ursprünglich vorhatte: Heute vor acht Jahren starb mein Vater.


 Woher:
Mantel -Zara
Schuhe – & other Stories
Pulli – H&M
Tasche – Edited the Label
Mütze – Paris