Da stehe ich, in einem grauen Hoodie und Leggings und mit einem gepackten Koffer, der Abenteuer verspricht, auf dem Parkplatz vom Flughafen. Meine Mutter wischt sich eine kleine Träne aus dem Auge und mein Vater, der starke, stattliche Mann, der er war, umarmt mich und gibt mir einen Klapps auf die Schulter. „Komm heil wieder“, befiehlt er mir.

Als ich begann alleine beziehungsweise mit Freunden zu verreisen, fragte mich meine Familie, wovor ich denn wegrennen würde. Sie sehen Bilder von mir,  die mich immer irgendwo unterwegs zeigen. Stets auf dem Sprung. Sie fragen mich, wann ich vorhabe mich niederzulassen, ruhiger zu werden, sesshaft.

Auf und davon

Für mich war die Entscheidung nach Wien zu ziehen, hier alleine meinen Weg zu gehen, nichts weiter als von zuhause wegzurennen. Stuttgart habe ich nie als Heimat angesehen, obwohl ich den größten Teil meiner Bildungsjahre im schwäbischen „Kessel“ verbracht habe. Ich hatte bereits in jungen Jahren den Drang wegzuziehen, in die weite Welt, irgendwo anders hin. Größer, spannender sollte das Leben werden und ich selbst hineinpassen.

Eine Zeit lang glaubte ich, das in Wien gefunden zu haben. Ich bin hier als Mensch irrsinnig gewachsen, habe wunderbare Freunde kennengelernt, mir ein schönes Leben aufgebaut. Ich wäre dann wohl bereit sesshaft zu werden. Doch seit zwei Jahren möchte ich eigentlich nur noch weg. Ich möchte weg aus Wien, aus dieser großen Stadt, die mir zwar alles gegeben hat, was ich mir im Leben nie erträumt hätte, aber die plötzlich so klein und einengend geworden ist.

 

Nur ein Stopp auf dem Weg zum Endziel

Mit Wien verbinde ich viele positive, sowie auch traurige Erinnerungen. Wenn der Mensch zu überanalysieren beginnt, dann überwiegen meistens die negativen Seiten einer Geschichte. Das Glas ist halb leer. Ich kann dieses Gefühl nicht ganz beschreiben, aber sie sind denen von damals sehr ähnlich – nicht zugehörig zu sein. Hier ist noch nicht meine Endstation. Nur ein Stopp auf dem Weg zum Ziel.

Du musst nach Berlin!

Doch was genau ist mein Ziel? Mein nächster Hafen ist Berlin. Wann der Aufbruch beginnt, ist unklar. In den letzten zwei Jahren war ich gefühlt zehn Mal in der deutschen Hauptstadt. Jedes Mal habe ich einen kleinen Teil von mir dort gelassen, um einen Grund zu haben, zurückzukehren. Jedes Mal habe ich neue Menschen, neue Ecken und Kanten kennengelernt, und mich jedes Mal aufs Neue in dieses Künstlerbiotop verliebt. Immer wieder zieht es mich in die Stadt der Verrückten. Wie ein Sog, ein schwarzes Loch, das mir Hoffnung, Seelenfrieden und Zugehörigkeit verspricht.

Doch gehöre ich hier wirklich hin? Wird mir Berlin das geben, das ich seit meinem Auszug von Zuhause so sehr wünsche?

Es scheint ein Trend zu sein, zu Selbstfindungszwecken wegzurennen. Fernweh wird als das Heilmittel unserer Social Media Generation propagiert. Immer unterwegs, immer ruhelos, immer auf dem Sprung. Was ist aber, wenn ich kein Fernweh, sondern Heimweh habe? Was, wenn ich nicht weiß, wo mein Heim ist? Ist es Deutschland? Österreich? Portugal?

Run, Girl, Run

Was ich über die Jahre realisiert habe, ist, dass ich nach Wien gezogen bin, weil ich von Zuhause wegwollte. Ich bin vor Problemen, die ich tief in einer Schublade versteckt und einfach nie wieder geöffnet habe, davongelaufen, in der Hoffnung, sie würden sich irgendwann in Luft auflösen. Fünfeinhalb Jahre ist das gut gegangen. Fast schon fünfeinhalbjahre habe ich Wien mein Zuhause genannt.

Ich habe realisiert, dass Schmerz und Trauer einen überhallhin verfolgen. Man kann so viel Feiern gehen, wie man möchte, so viele neue Leute kennenlernen, so viele Stunden seines Lebens in Arbeit stecken, um sich vorzugaukeln, man hätte alles überwunden. Das Problem mit dem Weglaufen ist, dass wir versuchen, eine endgültige Lösung für ein noch undefinierbares Problem zu finden. Wir versuchen die losen Fäden in unserem Leben zusammenzubinden, noch bevor wir sie entwirrt haben. Wir alle wollen Krisen so einfach bewältigen, wie den Kauf eines Flugtickets und die Aktualisierung unseres „Wohnortes“ auf Facebook. Out of Sight, Out of Mind. Jetzt können wir mit unserem Leben weitermachen.

Es ist schwierig zu fassen, wie viel Zeit und Energie wir damit verschwenden, gewisse prägende Erlebnisse mit anderen, neuen und schönen Erlebnissen zu überdecken. Verdrängung und Ablenkung laufen Hand in Hand, werden zu unseren engsten Freunden, wenn es darum geht, auf der Leiter des Selbstbelügens nach oben zu klettern. Brav waren wir. Wir bekommen dafür ein Sternchen!

Am Ende belügen wir uns einfach nur selbst. Wenn der Gipfel des emotionalen Erfolges und des eigenen Wohlbefindens nur eine Illusion ist und somit oberflächlich als Glück angesehen werden kann, werden wir es immer schwer finden, dort sesshaft zu werden, wo wir gerade sind. Wir leben in einer Welt, die persönliches Glück anhand von Errungenschaften misst. Haben wir Akademische Titel, einen guten Job, eine Handvoll Freunde, mit denen wir uns weiterhin ablenken können, dann sollten wir glückliche und starke Menschen sein, oder etwa nicht?

Make me strong

Es hat weder etwas Starkes noch etwas Nobles an sich, wenn wir alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um von dem eigentlichen Problem davonzurennen. Ich wollte schon immer stark sein. Auf die meisten Menschen in meinem Leben wirke ich stark. Doch diese Kraft und dieses Selbstbewusstsein sind eine Illusion. Als jemand, der sehr schnell sehr viel fühlt – andere würden das als emotional bezeichnen – habe ich früh gelernt, diese Seite von mir zu verstecken. Mit der Zeit bröckelt aber auch diese einstig so eng und hoch aufgezogene Fassade des Selbstbelügens und –ablenkens. Ich wünsche mir aber nichts sehnlicher als, dass diese Fassade Wirklichkeit wird, dass ich mit mir selbst so im Reinen bin, dass ich nicht nur stark und selbstbewusst wirke, sondern es auch bin.

Und wie soll mir Berlin dabei helfen?

Madeleine Alizadeh von DariaDaria schrieb in ihrem Blogpost „Was ich in Berlin gefunden und nicht gefunden habe“ folgendes:

„Wir suchen so oft nach etwas, was direkt vor uns bereits existiert. Rational weiß ich es doch schon so lange, aber es wirklich verstehen, verinnerlichen und begreifen, dass Glück nur, wirklich nur in uns drinnen existiert, hat Berlin mir gegeben.“Madeleine Alizadeh

Ich suche nach Glück und innerer Zufriedenheit. Ich weiß, dass diese Dinge allein mit mir als Person zu tun haben und weder an einen bestimmten Ort, noch an eine gewisse Zeit gebunden sind. Ich weiß, dass Berlin mir vermutlich nicht das Zuhause geben wird, das ich mir so sehr erhoffe, aber es wird mir das lehren, was Wien bereits versucht hat mir beizubringen. Dass Wegrennen nur bedeutet, sich selbst zu belügen. Und doch habe ich das Gefühl, dass ich es bereuen werden, nicht auf mein Herz, das mich schon seit zwei Jahren nach Berlin ruft, gehört zu haben. Und irgendwann werde ich an diese Zeit zurückdenken und mich fragen, was wäre wenn?

Ich bin noch so jung, ich kann mir solche Ausflüge zu Selbstfindungszwecken noch erlauben. Das heißt nicht, dass ich jetzt sofort wegziehe. Noch binden mich viele Verpflichtungen an unser wunderschönes Wien. Aber im Herzen sehe ich mich bereits am Flughafen, in einem grauem Hoodie und Leggings und einem gepackten Koffer, der Abenteuer verspricht. Meine beste Freundin wischt sich eine kleine Träne aus dem Auge und sagt: „Komm heil wieder.“

Habt ihr auch diese innerliche Unruhe, Lust nach neuen Abenteuern und wünscht euch einfach nur weg? Versteht ihr mein Gehirnwirrwarr und geht es euch auch so? Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir von euren Erfahrungen erzählt….