Sind meine Haare meine Identität?

Sind meine Haare meine Identität?

Sind meine Haare meine Identität?

„Du hast so schöne Haare“, „Deine Haare sind ein Traum“, „Oh Wow! Diese Haare!“ Jedes Mal, wenn ich ein Bild von mir auf Social Media hochlade überwiegen diese Art von Kommentaren.

Lerne ich neue Menschen kennen, ist eines der ersten Dinge, die sie mir sagen: „Du hast so wunderschöne Haare!“. Ich weiß. Danke. Ich liebe meine Haare auch sehr. Aber sind sie tatsächlich alles, was ich besitze? Macht mich sonst nichts anderes als Person aus? Definieren meine Haare meine Identität und meine Schönheit?

Ich weiß, dass ich aus einer Mücke einen Elefanten mache und in einem nichtexistenten Problem herumstochere. Viele Mädchen sind neidisch auf meine Haare. Doch in letzter Zeit kann ich diesen Fragen in meinem Kopf nicht mehr ausweichen. Wäre ich noch ich, wenn ich nicht diese langen Haare hätte?

Seitdem ich begonnen habe darüber nachzudenken, mir meine Haare abschneiden zu lassen, habe ich mir selbst immer wieder gesagt, dass meine Haare mich nicht definieren. Es sind nur Haare. Sie wachsen nach. Sie sind nicht meine Identität.

Um ehrlich zu sein, belüge ich mich aber selbst damit. Seit klein auf habe ich lange Haare. Irgendwann bin ich auf diese „lange Haare stehen für Femininität“-Propaganda hineingefallen. Ich schaue mich um und sehe Mädchen und Frauen mit langen, wunderschönen, natürlichen Haaren und kann gar nicht anders als sie auf ihr Äußerstes zu reduzieren. Es ist ein so prägnantes Merkmal einer Person, dass es, bei einer solchen Länge, sofort auffällt. Haare fallen auf den ersten Blick nun einmal auf. Egal ob lang oder kurz. Und hat man lange, glänzende Haare, dann sind sie der Indikator für Weiblichkeit und Schönheit.

Ich kenne einige Frauen in meinem Alter mit kurzen Haaren und sie sehen fantastisch aus. Niemals würde ich sie als männlich bezeichnen, denn so sehen sie nicht aus. Meine Mutter hatte früher immer lange, hellbraune Haare. Lange litt sie an Kopfschmerzen bis ihr irgendwann ein Arzt sagte, dass es vermutlich am Gewicht ihrer Mähne liegen würde. Als sie das tägliche Pochen in der Stirn nicht mehr aushielt, ging sie zum Friseur und kam mit einem Pixie-Schnitt nach Hause. Ich war zu der Zeit 9 Jahre alt und sie war 34. Sie war wunderschön und ihre Kopfschmerzen verschwunden.

Als ich mir aber selbst die Frage stellte, ob ich mir die Haare schneiden würde, war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf ging: „Bin ich dann überhaupt noch schön?“ Erst dann erkannte ich, dass ich mich an Dinge, wie langes Haar klammere, um mich hübsch und feminin zu fühlen. Ich kann es nicht ausstehen, dass ich mein Geschlecht und meine Identität dadurch definiere, ob die Länge meiner Haare eine ein- oder zweistellige Zentimeterzahl ist.

 

Über die Jahre haben meine Haare für mich eine Art Heiligenstatus bekommen. An ihnen hängt so viel – im wahrsten Sinne des Wortes – dass ich mich nicht traue sie abzuschneiden. Es wäre aber vermutlich der richtige Schritt, um mich von alldem zu befreien, mich von jeder Strähne, wie von schweren Eisenketten zu trennen. Ich kann das Gefühl nicht leugnen, dass ein neuer Haarschnitt auch ein Neuanfang für mich wäre. Ich könnte mich neu erfinden.

Im Endeffekt zerdenke ich alles und mache es mir somit nur unnötig schwerer. Höre ich mich bei meinen Freunden um, scheinen alle meine Bedenken lächerlich zu finden und sind sogar dafür, dass ich mir die Haare schneide, dann lerne ich vielleicht auch mal selbst, dass ich mehr zu bieten habe, als physische Attribute. Ich lache gerne über meine eigenen Witze, kann sämtliche Designernamen in deren Landessprache korrekt aussprechen, versage dann aber bei den Wörtern „etliche“ und „Stigma“. Ich habe immer ein offenes Ohr und eine helfende Hand für meine Familie und Freunde. Und manchmal, wenn die U-Bahn komplett voll ist, rammt mir ein Fremder ausversehen sein Ellbogen gegen die Brust. Dann merke ich: „Oh, die habe ich ja auch noch!“ Mich machen so viele andere Dinge als Person und als Frau aus. Ich weiß das, aber tief im Inneren ist die Message noch nicht angekommen.

 

Wie seht ihr das denn?

 

Woher

Mantel – Zara

Kleid – Zara

Schuhe – Dr. Martens

Ohrringe – H&M

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8 Comments

  • 9 Monaten ago

    Ich habe mir schon häufiger die Haare von lang auf kurz getrimmt und es nie bereut. Zum einen wachsen sie ja wieder nach, wie du ja auch geschrieben hast. Zum anderen hat mir die Veränderung immer gut getan.

    Vg
    Silke

    • Marcia
      3 Monaten ago

      Liebe Silke, dankeschön für deine lieben Worte! <3

  • 9 Monaten ago

    Ich kann verstehen, dass du dich so an deine Haare klammerst, aber ich schließe mich trotzdem deinen Freunden an: nicht zu sehr zerdenken, sondern einfach machen!
    Ich hatte auch immer lange Haare, hab sie mir dann aber letztes Jahr im Dezember von taillenlang auf bis knapp über die Schlüsselbeine abschneiden lassen. Ich hab sie bis heute kein einziges Mal vermisst.
    Ich finde, kurze Haare haben meistens was frischeres und leichteres (wortwörtlich) als eine richtig lange Mähne. Ich würds einfach wagen und wenn es dir nicht gefällt wachsen sie ja eh wieder nach 😀

    Alles Liebe, Jacky N.

    • Marcia
      3 Monaten ago

      Liebe Jacky, wie mutig von dir! Ja du hast recht, kürzere haare wirken leichter!
      xx

  • 9 Monaten ago

    Ich steck auch grad mitten in dem inneren Streitgespräch. Mittlerweile behindern mich meine Haare im Alltag weil sie bis zu den Kniekehlen reichen. Ständig bleib ich hängen oder ich zwicke sie irgendwo ein. Allerdings hab ich das Gefühl dass ich selbst verschwinde wenn die Haare weg sind. Klar weiß mein Kopf, dass das alles Quatsch ist – aber wenn man lange Zeit auch von der Außenwelt die Haare als einprägsamstes Merkmal kommuniziert bekommt, kann das einen komischen Effekt auf die Psyche haben…
    Naja – ich bin schon gespannt wie deine Entscheidung ausfällt!
    LG
    Manuela

    • Marcia
      3 Monaten ago

      Oh wow, bis zu den knien :O Das ist echt lang. Kann verstehen, dass sie im Alltag vielmehr eine Hürde sind. Ich habe mich letztlich doch dafür entschieden uns 12cm abgeschnitten. Man hat schon einen unterschied gemerkt, aber ich habe es nicht bereut.
      Leider konnte ich sie nicht spenden, dafür hätten mind. noch 5 cm gefehlt. das hat mich sehr traurig gemacht, weil das schneiden dann quasi “umsonst” war, aber mehr habe ich mich einfach nicht getraut

      LG

  • Mari
    9 Monaten ago

    É inevitável pensar no cabelo como parte da identidade. Não, ele não te define, mas sim ele faz parte de quem você é. A vantagem é que nosso cabelo pode funcionar como esse símbolo enorme de nós mesmas: a gente muda e o cabelo tá aí a uma tesourada (ou caixa de tinta) da mudança. E se não gostar do cabelo curto é só deixar crescer, assim como se as mudanças nos parecerem ruins, sempre podemos mudar de novo. E se você decidir, vai ficar linda de cabelinho, seu rosto delicado vai ornar completamente com ele 🙂

    • Marcia
      3 Monaten ago

      Oi Mari, muito obrigada pelo teu comentário. Gostei muito de o ler em português e as suas palavras são genuínas! Afinal acabei por cortá-lo 12cm – nao me arrependi, só tive pena de nao ter cortado o suficiente para poder doá-lo.
      xxx